„Dieser kleine Schatten kostet mich 60 bis 70 Watt“ – Sätze wie dieser füllen die Balkonkraftwerk-Foren, und sie beschreiben ein echtes Phänomen: Ein Schatten von der Größe einer Hand kann ein halbes Modul stilllegen. Trotzdem ist Verschattung selten der Grund, gegen ein Balkonkraftwerk zu entscheiden – sie ist der Grund, den Rechner ehrlich zu füttern. Dieser Beitrag erklärt, was der Verschattungs-Prozentwert im Fachwerte-Rechner bedeutet, woher die Zahl für den eigenen Balkon kommt und wie sie in Ertrag und Ersparnis durchschlägt.
1 · Was „25 % Verschattung“ bedeutet – der Beispieltag
Der Rechner rechnet Verschattung als Abschlag auf den Jahresertrag: keine (0 %), leicht (10 %), mittel (25 %), stark (50 %), im Expertenmodus stufenlos. Ein Prozentwert allein sagt aber niemandem etwas. Deshalb übersetzt ihn der Rechner auf einen Vergleichstag – den 21. Juni, an dem die Sonne in Deutschland rund 16,5 Stunden über dem Horizont steht. Die Leistung eines Moduls folgt über den Tag einem Sinusbogen: früh und spät wenig, mittags viel. Eine Stunde Schatten wiegt deshalb nicht überall gleich schwer.
| Stufe im Rechner | Jahresverlust | Entspricht am 21. Juni: Schatten am Rand des Tages | … oder: Schatten um die Mittagszeit |
|---|---|---|---|
| Leicht | 10 % | ≈ 3,4 Stunden (bis 9:30 Uhr morgens oder ab 18 Uhr) | ≈ 1,0 Stunde |
| Mittel | 25 % | ≈ 5,5 Stunden | ≈ 2,7 Stunden |
| Stark | 50 % | ≈ 8,3 Stunden – der halbe Tag | ≈ 5,5 Stunden |
Rechnung: Anteil der Fläche unter dem Sinusbogen, der im Schattenfenster liegt – am Rand T/π · arccos(1 − 2f), um Mittag 2T/π · arcsin(f), mit T = 16,5 h und f = Verlustanteil. Ein Ostbalkon, der ab 14 Uhr im Hausschatten liegt, verliert also deutlich mehr als „ein paar Stunden“ vermuten lassen.
2 · Schattenlängen: Sommer, Winter, Nachbarhaus, Brüstung
Wie weit ein Objekt seinen Schatten wirft, folgt aus dem Sonnenstand: Schattenlänge = Objekthöhe ÷ tan(Sonnenhöhe). Für die Mitte Deutschlands (50° Nord) am Mittag:
L = h / tan(α)
h: Objekthöhe über der Modulkante; α: Sonnenhöhe. Mittags am 21. Juni ≈ 63°, am 21. März/September ≈ 40°, am 21. Dezember ≈ 16,5°.
| Zeitpunkt (Mittag, 50° N) | Sonnenhöhe | Schattenlänge je Meter Objekthöhe | 10 m hohes Nachbarhaus südlich | 1 m hohe geschlossene Brüstung vor dem Modul |
|---|---|---|---|---|
| 21. Juni | ≈ 63° | 0,5 m | Schatten bis 5 m Abstand | Schatten bis 0,5 m – trifft ein dahinter liegendes Modul kaum |
| 21. März / 21. September | ≈ 40° | 1,2 m | bis 12 m | bis 1,2 m – untere Modulhälfte betroffen |
| 21. Dezember | ≈ 16,5° | 3,4 m | bis 34 m | bis 3,4 m – Modul hinter der Brüstung praktisch komplett im Schatten |
Zwei Lehren daraus. Erstens: Ein Objekt, das im Winter schattet, ist für die Jahresbilanz oft harmlos – November bis Februar liefern zusammen nur rund 14 % des Ertrags (Monatstabelle). Zweitens: Eine Brüstung vor dem Modul – das Modul innen am Geländer hinter Beton oder Glas – ist im Sommer unkritisch, im Frühjahr und Herbst aber ein echter Verlustbringer; das ist der häufigste Grund, warum „innen montiert“ deutlich schlechter abschneidet als die reine Ausrichtungstabelle vermuten lässt.
3 · Warum Teilverschattung so teuer ist
Ein Solarmodul ist eine Reihenschaltung von 108 bis 144 Zellen. In einer Reihenschaltung fließt durch alle Zellen derselbe Strom – und die schwächste Zelle bestimmt ihn. Liegt eine einzige Zellreihe im Schatten, bricht der Strom des ganzen Strangs auf das Niveau dieser Zellen ein. Damit das Modul nicht komplett aussetzt (und die verschattete Zelle nicht als Widerstand heiß wird – „Hotspot“), sind die Zellen in drei Stränge mit je einer Bypass-Diode aufgeteilt: Die Diode überbrückt den verschatteten Strang, das Modul liefert noch zwei Drittel.
Daraus folgt die Faustregel der Praxis: Ein kleiner Schatten kostet ein Drittel – egal ob er eine Zelle oder zwanzig trifft, solange er im selben Strang liegt. Ein Regenfallrohr, ein Fahnenmast, die Kante der Markise: Wo der Schatten liegt, entscheidet über den Verlust, nicht wie groß er ist. Bei senkrechten Modulen laufen die Stränge meist waagerecht (Modul im Hochformat: Stränge übereinander); ein Schatten von unten, etwa durch die Brüstung, trifft dann genau einen Strang – und die Bypass-Diode hilft. Ein Schatten von der Seite trifft alle drei.
4 · Was Technik ausgleicht – und was nicht
| Maßnahme | Wirkung | Einordnung |
|---|---|---|
| Getrennte MPPT-Eingänge am Mikrowechselrichter (ein Eingang je Modul) | Ein verschattetes Modul zieht das unverschattete nicht mit herunter | Stand der Technik bei 2-Modul-Sets; bei 4 Modulen an 2 Eingängen hängen je zwei Module parallel – Verschattung eines Moduls kostet dann auch dem Partner Leistung |
| Half-Cut-Module (halbe Zellen, sechs Stränge) | Ein Schatten auf der unteren Hälfte lässt die obere Hälfte weiterarbeiten | Bei senkrechter Montage hinter einer Brüstung der wirksamste Modulfaktor |
| Modul im Querformat montieren | Stränge stehen senkrecht – ein Schatten von unten trifft alle Stränge gleichzeitig | Bei Brüstungsschatten das Hochformat wählen, bei seitlichem Schatten (Wand, Fallrohr) das Querformat |
| Leistungsoptimierer je Modul | Wie getrennte MPPT-Eingänge, zusätzliche Elektronik | Beim Balkonkraftwerk selten nötig; Mikrowechselrichter mit 2–4 Eingängen erfüllen den Zweck |
| Bifaziale Module | Nutzen Licht von der Rückseite – hilft bei heller Wand hinter dem Modul, nicht gegen Schatten von vorn | Rückseitengewinn real 5–15 %; Verschattungsverluste bleiben |
| Reinigung | Pollen, Staub, Vogelkot wirken wie flächige Verschattung; flach liegende Module verschmutzen schneller | Bei ≥ 15° Neigung reicht der Regen meist; flach gelegte Module 1–2 × jährlich abspülen |
5 · Typische Balkonsituationen
| Situation | Wann Schatten | Stufe im Rechner (Richtwert) | Gegenmittel |
|---|---|---|---|
| Balkon über dem Balkon (Überstand 1,5 m), Modul senkrecht außen | Sommer mittags obere Modulkante | keine bis leicht | Modul nach außen neigen (15–30°) oder tiefer hängen |
| Modul innen hinter geschlossener Brüstung (1 m) | Frühjahr/Herbst untere Modulhälfte, Winter komplett | mittel | Außenmontage prüfen (Windlast!), Half-Cut-Modul im Hochformat |
| Nachbarhaus südlich, 10 m hoch, 15 m entfernt | Oktober bis Februar | leicht | keines nötig – Winterverlust wiegt wenig |
| Laubbaum 8 m südwestlich | Mai bis Oktober nachmittags – genau in den ertragreichen Monaten | mittel bis stark | Ausrichtung nach Südost prüfen, Modul höher setzen |
| Seitenwand des Balkons (Westseite) | Jeden Nachmittag ab ~16 Uhr | leicht | Randstunden – geringer Verlust, oft vernachlässigbar |
| Fallrohr, Fahnenstange, Markisenkante über dem Modul | wandernder schmaler Schatten über den Tag | mittel (obwohl klein!) | Modul versetzen – ein Strang wird stundenweise überbrückt |
Für den eigenen Balkon hilft ein einfacher Test besser als jede Tabelle: an einem klaren Tag im Frühjahr oder Herbst alle zwei Stunden ein Foto der Modulfläche machen. Was um 11, 13 und 15 Uhr im Schatten liegt, kostet Ertrag; was um 8 oder 19 Uhr im Schatten liegt, kaum.
Passendes Werkzeug Balkonkraftwerk-Rechner Verschattung in vier Stufen oder stufenlos im Expertenmodus – mit Übersetzung in Schattenstunden am Beispieltag und Wirkung auf Eigenverbrauch, Ersparnis und Amortisation.6 · Von der Verschattung zur Ersparnis
Verschattung kostet Ertrag, aber weniger Geld, als die Prozentzahl vermuten lässt – weil ein Haushalt von einer kleineren Anlage einen größeren Anteil selbst verbraucht. Überschlägig für ein 800-Wp-Set (Süd, 35°, deutsches Mittel) in einem 3.000-kWh-Haushalt mit 175 W Grundlast, 35 ct/kWh, 400 € Set-Preis:
| Verschattung | Jahresertrag | Selbst genutzt (überschlägig) | Ersparnis / Jahr | Amortisation |
|---|---|---|---|---|
| keine (0 %) | 800 kWh | ≈ 519 kWh (65 %) | ≈ 182 € | 2,2 Jahre |
| leicht (10 %) | 720 kWh | ≈ 485 kWh (67 %) | ≈ 170 € | ≈ 2,4 Jahre |
| mittel (25 %) | 600 kWh | ≈ 430 kWh (72 %) | ≈ 150 € | ≈ 2,8 Jahre |
| stark (50 %) | 400 kWh | ≈ 315 kWh (79 %) | ≈ 110 € | ≈ 3,8 Jahre |
Eigenverbrauch überschlägig nach der Sättigungskurve des Fachwerte-Schnellchecks (kalibriert am Stundenmodell: 800 kWh → 519 kWh); der Rechner selbst simuliert stündlich und weicht im Einzelfall um einige Prozent ab. Ohne Preissteigerung, mit 1 % Instandhaltungsrücklage.
Die Botschaft: Selbst der halb verschattete Balkon rechnet sich bei heutigen Set-Preisen in unter vier Jahren. Was sich mit der Verschattung dagegen fast immer erledigt, ist der Speicher: Er lebt vom Mittagsüberschuss, und genau der fehlt bei Schatten – dazu der Beitrag Speicher: wann sich die Batterie rechnet. Und wer zwischen „verschattet nach Süd“ und „frei nach West“ wählen kann, findet die Antwort in der Ertragstabelle nach Ausrichtung: West bei 30° liefert 81 % des Optimums – mehr als Süd mit mittlerer Verschattung (75 %).
7 · Häufige Fragen
Wie viel Ertrag kostet Verschattung beim Balkonkraftwerk?
Das hängt weniger von der Dauer als vom Zeitpunkt ab: 10 % Jahresverlust entsprechen an einem Junitag rund 3,4 Stunden Schatten am Morgen oder Abend, aber nur etwa einer Stunde um die Mittagszeit. 25 % bedeuten 5,5 Randstunden oder 2,7 Mittagsstunden, 50 % den halben Tag am Rand oder 5,5 Stunden um Mittag. Bei 800 Wp kosten 25 % Verschattung rund 200 kWh im Jahr.
Warum wirkt Teilverschattung überproportional?
Die Zellen eines Moduls sind in Reihe geschaltet; die schwächste Zelle begrenzt den Strom des ganzen Strangs. Ein Schatten auf wenigen Zellen kann deshalb einen ganzen Modulteil lahmlegen. Bypass-Dioden überbrücken den betroffenen Strang, dann liefert das Modul noch ein bis zwei Drittel; Half-Cut-Module mit sechs Strängen behalten mehr. Mikrowechselrichter mit getrennten MPPT-Eingängen verhindern, dass ein verschattetes Modul das unverschattete mitzieht.
Wie lang ist der Schatten eines Nachbarhauses oder Baums?
Mittags wirft ein Objekt in Deutschland im Juni einen Schatten von etwa der halben eigenen Höhe, im Dezember dagegen vom rund 3,4-Fachen. Ein 10 m hohes Nachbarhaus südlich des Balkons verschattet im Winter alles bis 34 m Abstand, im Sommer nur bis 5 m. Für die Jahresbilanz zählt der Sommer stärker, weil dort über die Hälfte des Ertrags anfällt.
Lohnt sich ein Balkonkraftwerk trotz Verschattung?
Meist ja. Bei 25 % Verschattung liefert ein 800-Wp-Set im deutschen Mittel statt 800 noch rund 600 kWh, davon nutzt ein 3.000-kWh-Haushalt überschlägig 430 kWh selbst – rund 150 € im Jahr bei 35 ct. Ein 400-€-Set ist damit nach etwa 2,8 statt 2,2 Jahren bezahlt. Erst starke Verschattung über den halben Tag verdoppelt die Amortisation. Die eigene Situation: Balkonkraftwerk-Rechner.
Stand: 29.08.2026. Verschattungsstufen und Beispieltag-Umrechnung aus dem Fachwerte-Balkonkraftwerk-Rechner (Sinus-Tagesgang, 16,5 h am 21. Juni); Schattenlängen aus der Sonnenhöhe für 50° N; Ersparnis überschlägig nach dem Schnellcheck-Modell, kalibriert am Stundenmodell. Modultechnik nach allgemeinem Stand (Bypass-Dioden, Half-Cut, MPPT). Keine Ertragsgarantie. Weiterlesen: Ertrag nach Ausrichtung · Senkrecht am Geländer · Balkonkraftwerk im Winter