„16 Ampere, also 1,5 Quadrat" — diese Faustformel hält sich hartnäckig und geht erstaunlich oft gut. Sie geht aber deshalb gut, weil der typische Wohnungs-Stromkreis kurz ist und einzeln im Putz liegt. Sobald eine dieser beiden Bedingungen entfällt, führt die Faustformel in die Irre — und zwar in Richtung eines zu kleinen Querschnitts.
Ein Querschnitt wird nicht aus einem Wert bestimmt, sondern aus drei voneinander unabhängigen Prüfungen. Dieser Beitrag geht sie der Reihe nach durch.
1 · Die drei Kriterien
Jede Leitung muss gleichzeitig drei Bedingungen erfüllen. Man rechnet sie einzeln und nimmt am Ende den größten der drei ermittelten Querschnitte:
- Strombelastbarkeit — der Leiter darf sich im Dauerbetrieb nicht über die zulässige Temperatur seiner Isolierung erwärmen.
- Schutz bei Überlast — Betriebsstrom, Nennstrom der Schutzeinrichtung und Belastbarkeit der Leitung müssen zueinander passen.
- Spannungsfall — am Ende der Leitung muss noch genug Spannung ankommen, damit die Verbraucher bestimmungsgemäß arbeiten.
Hinzu kommen je nach Anlage weitere Nachweise, etwa die Abschaltbedingung im Fehlerfall und die Kurzschlussfestigkeit. Sie können bei langen Leitungen ebenfalls maßgebend werden.
2 · Strombelastbarkeit und Verlegeart
Die Strombelastbarkeit ist keine Eigenschaft des Querschnitts allein, sondern der Frage: Wie gut wird die Wärme abgeführt? Dieselbe Leitung trägt frei auf einer Trasse deutlich mehr Strom als eingeputzt in einer wärmegedämmten Wand.
DIN VDE 0298-4 fasst die Einbausituationen in Referenzverlegearten zusammen — von A1 und A2 (in wärmegedämmten Wänden) über B1 und B2 (in Rohren oder Kanälen auf der Wand) bis C (direkt auf der Wand) sowie E, F und G (frei in Luft). Zu jeder Verlegeart, jedem Leitermaterial und jeder Zahl belasteter Adern gibt die Norm einen Tabellenwert an.
Der wichtigste Punkt dabei: belastete Adern zählen, nicht Adern. Eine fünfadrige Leitung in einem symmetrisch belasteten Drehstromkreis mit linearen Verbrauchern hat drei belastete Adern — Neutralleiter und Schutzleiter zählen nicht mit. Sobald aber nennenswerte Oberschwingungen auftreten, ändert sich das (siehe Häufige Fragen).
- Norm
- DIN VDE 0298-4 — Strombelastbarkeit von Kabeln und Leitungen, Verlegearten und Umrechnungsfaktoren
- Ergänzend
- DIN VDE 0100-520 — Auswahl und Errichtung, Spannungsfall (Anhang G)
DIN VDE 0100-430 — Schutz bei Überstrom - Gilt für
- Niederspannungsanlagen bis 1000 V Wechselspannung
3 · Häufung und Umgebungstemperatur
Der Tabellenwert gilt für definierte Referenzbedingungen — in Luft üblicherweise 30 °C Umgebungstemperatur, im Erdreich 20 °C Bodentemperatur, jeweils für einen einzelnen Stromkreis. Weicht die Wirklichkeit davon ab, wird der Wert mit Umrechnungsfaktoren korrigiert:
Iz = Itab · f₁ · f₂
Itab = Tabellenwert der Verlegeart · f₁ = Faktor für die
Umgebungs- bzw. Bodentemperatur · f₂ = Häufungsfaktor
f₂ ist der Faktor, der in der Praxis am häufigsten unterschlagen wird. Liegen mehrere belastete Stromkreise gebündelt im selben Rohr oder Kanal, heizen sie sich gegenseitig auf. Schon bei sechs gebündelten Stromkreisen sinkt die zulässige Belastbarkeit auf gut die Hälfte des Tabellenwerts. Eine Leitung, die einzeln problemlos 20 A tragen würde, ist im Bündel plötzlich für 16 A grenzwertig.
f₁ wird dort relevant, wo es warm ist: Dachböden, Heizungsräume, Technikzentralen, Schaltschrank-Innenräume. Bei 50 °C Umgebungstemperatur bleibt von einer PVC-isolierten Leitung nur noch ein Bruchteil der Nennbelastbarkeit übrig.
4 · Abstimmung mit der Schutzeinrichtung
Die Leitung muss von der vorgeschalteten Sicherung tatsächlich geschützt werden. DIN VDE 0100-430 verlangt dafür zwei Bedingungen:
Ib ≤ In ≤ Iz
I₂ ≤ 1,45 · Iz
Ib = Betriebsstrom · In = Nennstrom der Schutzeinrichtung ·
Iz = zulässige Belastbarkeit der Leitung · I₂ = großer Prüfstrom der
Schutzeinrichtung
Bei Leitungsschutzschaltern nach DIN EN 60898-1 beträgt der große Prüfstrom 1,45 · In. Die zweite Bedingung ist damit automatisch erfüllt, sobald die erste eingehalten ist — bei Schmelzsicherungen und Motorschutzschaltern gilt das nicht ohne Weiteres und muss geprüft werden.
5 · Spannungsfall
Der Spannungsfall wächst linear mit Länge und Strom und fällt umgekehrt proportional zum Querschnitt. Er ist deshalb das Kriterium, das bei langen Leitungen die Führung übernimmt.
ΔU = (2 · L · I · cos φ) / (κ · A)
Spannungsfall — Drehstrom (dreiphasig)
ΔU = (√3 · L · I · cos φ) / (κ · A)
L = einfache Leitungslänge in m · I = Strom in A · cos φ = Leistungsfaktor ·
κ = Leitfähigkeit in m/(Ω·mm²), Kupfer 56, Aluminium 35 · A = Querschnitt in mm²
Der relative Spannungsfall ergibt sich als ΔU / Un · 100 %.
Der Faktor 2 beim Wechselstrom berücksichtigt Hin- und Rückleiter. Beim Drehstrom steht stattdessen √3, weil sich die Ströme in den drei Außenleitern bei symmetrischer Belastung teilweise aufheben — derselbe Verbraucher erzeugt dreiphasig also einen deutlich kleineren Spannungsfall als einphasig.
Als Grenzwerte empfiehlt DIN VDE 0100-520 im informativen Anhang G 3 % für Beleuchtungsstromkreise und 5 % für sonstige Verbrauchsmittel, gerechnet ab dem Übergabepunkt. Für den Abschnitt zwischen Hausanschlusskasten und Messeinrichtung setzen die Technischen Anschlussbedingungen des Netzbetreibers einen deutlich engeren Wert an. Maßgeblich sind immer die aktuell gültigen TAB des zuständigen Netzbetreibers.
Wichtig ist außerdem, dass der Spannungsfall über alle Abschnitte aufsummiert wird: Hauptleitung, Unterverteilung und Endstromkreis zusammen — nicht nur der letzte Abschnitt.
6 · Zwei Rechenbeispiele
Beispiel 1 — kurze Drehstromleitung
Ein Drehstromkreis mit 25 A Betriebsstrom, 400 V, cos φ = 0,95, Kupfer, 35 m Leitungslänge. Gerechnet für 6 mm²:
ΔU = (1,732 · 35 m · 25 A · 0,95) / (56 · 6)
= 1439,8 / 336
= 4,29 V → 1,07 %
Zum Vergleich: 4 mm² ergäbe 6,43 V (1,61 %), 2,5 mm² ergäbe 10,28 V (2,57 %).
Alle drei Querschnitte lägen beim Spannungsfall unter 3 %. Die Entscheidung fällt hier also nicht über den Spannungsfall, sondern über die Strombelastbarkeit: 2,5 mm² trägt in den meisten Verlegearten keine 25 A, erst recht nicht mit Häufung. Das Kriterium, das bindet, ist bei kurzen Leitungen fast immer die Erwärmung.
Beispiel 2 — lange Einzelleitung zur Gartenhütte
Einphasig, 230 V, 16 A Absicherung, cos φ = 1, Kupfer, 60 m Länge:
2,5 mm²: ΔU = 1920 / 140 = 13,71 V → 5,96 %
4,0 mm²: ΔU = 1920 / 224 = 8,57 V → 3,73 %
6,0 mm²: ΔU = 1920 / 336 = 5,71 V → 2,48 %
Erst 6 mm² bleibt unter der 3-%-Empfehlung. 2,5 mm² wäre aus Sicht der
Strombelastbarkeit völlig ausreichend gewesen.
Genau hier kippt das Verhältnis: Die Leitung wäre thermisch nie an ihre Grenze gekommen, aber am Ende der Strecke fehlen fast 14 Volt. Wer nur nach der Sicherung dimensioniert, baut hier eine Leitung ein, an der später jeder größere Verbraucher auffällig arbeitet.
Passendes Werkzeug Leitungsrechner Querschnitt nach VDE 0298-4 und VDE 0100-520 ermitteln — mit Verlegeart, Häufung, Umgebungstemperatur und Spannungsfall in einem Durchgang.7 · Typische Fehler aus der Praxis
- Häufung im Rohr oder Kanal übersehen Sechs Stromkreise gebündelt bedeuten grob die halbe Belastbarkeit. Besonders heikel in Steigezonen und über abgehängten Decken.
- Nur nach der Sicherung dimensioniert Der Nennstrom des Leitungsschutzschalters sagt nichts über Länge und Verlegeart. Er ist das Ergebnis der Rechnung, nicht ihr Ausgangspunkt.
- Spannungsfall nur bis zur Unterverteilung gerechnet Zulässig ist die Summe über alle Abschnitte bis zum Verbrauchsmittel.
- Verlegeart zu günstig angesetzt Eine Leitung in einer wärmegedämmten Wand ist nicht dasselbe wie eine Leitung auf der Wand — der Unterschied kostet eine ganze Querschnittsstufe.
- Neutralleiter bei Oberschwingungen nicht mitgezählt Bei hohem Anteil nichtlinearer Verbraucher führt der Neutralleiter Strom und gilt als belastete Ader.
- Aluminium mit Kupferwerten gerechnet Rund 35 statt 56 m/(Ω·mm²) — für denselben Spannungsfall braucht es etwa den 1,6-fachen Querschnitt.
8 · Häufige Fragen
Reicht 1,5 mm² für einen Stromkreis mit 16 A?
Ohne weitere Angaben lässt sich das nicht beantworten. Es hängt an Verlegeart, Häufung, Umgebungstemperatur und Länge. Einzeln verlegt und kurz: in der Regel ja. In einer wärmegedämmten Wand oder gebündelt mit mehreren belasteten Stromkreisen kann die zulässige Belastbarkeit unter 16 A fallen.
Wie viel Spannungsfall ist zulässig?
DIN VDE 0100-520 empfiehlt im informativen Anhang G 3 % für Beleuchtung und 5 % für sonstige Verbrauchsmittel ab Übergabepunkt. Der Anhang ist informativ, nicht normativ — verbindlich werden die Werte über die Technischen Anschlussbedingungen des Netzbetreibers, die für den Abschnitt bis zur Messeinrichtung deutlich enger sind.
Zählt der Neutralleiter als belastete Ader?
In einem symmetrisch belasteten Drehstromkreis mit linearen Verbrauchern nicht. Sobald jedoch ein nennenswerter Anteil der dritten Harmonischen auftritt — durch Schaltnetzteile, LED-Treiber, Frequenzumrichter — führt der Neutralleiter Strom. Ab einem entsprechenden Oberschwingungsanteil ist er als belastete Ader anzusetzen, was die zulässige Belastbarkeit senkt.
Warum wird mit 56 m/(Ω·mm²) gerechnet und nicht mit 48?
56 ist die Leitfähigkeit von Kupfer bei 20 °C und die übliche Rechenkonvention. Im Betrieb erwärmt sich der Leiter, die Leitfähigkeit sinkt — bei 70 °C auf etwa 48. Die Rechnung mit 56 liefert also einen etwas günstigeren Wert als der reale warme Betriebsfall. Wer knapp an der Grenze liegt, sollte mit dem temperaturkorrigierten Wert gegenrechnen.
Gilt das alles auch für Aluminium?
Das Verfahren ist identisch, nur die Zahlen sind andere: rund 35 statt 56 m/(Ω·mm²) Leitfähigkeit und eigene Strombelastbarkeitswerte. Für denselben Spannungsfall wird etwa der 1,6-fache Querschnitt benötigt. Hinzu kommen Besonderheiten bei den Klemmstellen, die mit der Querschnittsberechnung nichts zu tun haben, aber in der Ausführung entscheidend sind.
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Stand: August 2026. Dieser Beitrag erklärt das Verfahren und ersetzt nicht den Blick in die Norm in ihrer aktuellen Fassung. Die genannten Zahlenwerte dienen der Veranschaulichung; verbindlich sind die Tabellenwerte der jeweiligen Norm sowie die Vorgaben des Netzbetreibers. Die Auslegung einer Anlage gehört in die Hand einer Elektrofachkraft.