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Wärmepumpe

Wärmepumpe im Altbau: die 5 Zahlen, die feststehen müssen

Das Wichtigste in Kürze

„Im Altbau funktioniert das nicht" ist der langlebigste Satz der Wärmepumpen-Debatte — und er ist durch Messdaten widerlegt. Die Fraunhofer-ISE-Studie „WP-QS im Bestand" hat vier Jahre lang 77 Anlagen in Bestandsgebäuden vermessen, viele davon Altbauten mit Heizkörpern. Ergebnis: Luft-Wasser im Mittel JAZ 3,4, Sole 4,3, CO₂-Ersparnis gegenüber Gas 64 %. Der entscheidende Satz der Studie: Maßgeblich ist die Vorlauftemperatur, nicht das Baujahr. Ob das eigene Haus dazugehört, lässt sich mit fünf Zahlen klären — vier davon kosten nichts.

1 · Der Feldbefund: Baujahr ist nicht das Kriterium

Warum funktioniert der Altbau oft besser als sein Ruf? Weil viele Altbau-Heizkörper für 70/55 °C ausgelegt wurden — für den damaligen Zustand des Hauses. Neue Fenster, gedämmte oberste Geschossdecke, vielleicht eine Kellerdeckendämmung: Jede dieser üblichen Teilmaßnahmen hat die Heizlast gesenkt, die Heizkörper blieben. Das Ergebnis ist eine stille Reserve: Dieselben Heizkörper schaffen die nötige Wärme heute mit deutlich niedrigerer Vorlauftemperatur, als auf dem Typenschild der alten Heizung steht.

2 · Zahl 1: Die maximale Vorlauftemperatur — der 55-°C-Test

Die wichtigste Zahl, und sie kostet nichts als einen kalten Wintertag:

  1. An einem Tag unter 0 °C die Vorlauftemperatur an der bestehenden Heizung auf 55 °C begrenzen (Heizkurve absenken oder Kesseltemperatur begrenzen).
  2. Alle Thermostate voll öffnen, 24 Stunden warten.
  3. Werden alle Räume warm? Dann läuft die Wärmepumpe in diesem Haus mit den vorhandenen Heizkörpern — bei brauchbarer Effizienz. Wer mag, wiederholt den Test mit 50 °C.

Bleiben nur ein, zwei Räume kalt, ist das kein K.-o., sondern eine Einkaufsliste: Genau diese Heizkörper werden getauscht. Welche das sind und welche Vorlauftemperatur das Haus danach braucht, rechnet der Heizkörper-Check raumweise durch — die Anleitung im Detail: Reichen meine alten Heizkörper?

3 · Zahl 2: Wärmebedarf aus dem realen Verbrauch

Kein Gebäudestandard-Schätzwert ist so gut wie die eigene Heizkostenabrechnung. Aus dem Jahresverbrauch der alten Heizung wird die tatsächlich gelieferte Nutzwärme:

Nutzwärme aus dem alten Verbrauch Nutzwärme [kWh] = Verbrauch [kWh] × ηKessel Gas-Brennwert η ≈ 0,92 · Niedertemperatur ≈ 0,80 · alter Standardkessel ≈ 0,70 · Heizöl: Liter × 10 = kWh. Beispiel: 22.000 kWh Gas × 0,92 ≈ 20.200 kWh Nutzwärme (inkl. Warmwasser).

4 · Zahl 3: Die Heizlast in kW

Die Gerätegröße bestimmt Preis und Effizienz — und im Altbau wird notorisch überdimensioniert („lieber eine Nummer größer"). Das rächt sich doppelt: Eine zu große Wärmepumpe taktet, verliert JAZ und verschleißt schneller. Überschlag aus dem Verbrauch: Heizwärme ÷ ~1.900 Vollbenutzungsstunden (Altbau) — bei 20.200 kWh also gut 10 kW, nicht 16. Sauber gerechnet wird nach Hüllflächenverfahren im Heizlast-Rechner; die Sperrzeiten des WP-Tarifs kommen als Zuschlag obendrauf.

5 · Zahl 4: Die realistische JAZ

Aus Zahl 1 folgt die Effizienz — die Spalte der JAZ-Tabelle, die zum Testergebnis passt:

55-°C-Test-ErgebnisRealistische JAZ (Luft-Wasser)Einordnung
Auch mit 45 °C warm (z. B. nach Teilsanierung)3,0 – 3,5gut geeignet
Mit 55 °C warm2,6 – 3,0geeignet — Abgleich holt mehr raus
Erst mit 65 °C warm2,2 – 2,6erst Heizflächen verbessern

6 · Zahl 5: Die Break-even-Schwelle

Wirtschaftlich reicht im Altbau weniger, als viele denken: Günstiger als Gas heizt die Wärmepumpe ab JAZ ≈ 1,6 mit Wärmepumpentarif bzw. ≈ 2,9 mit Haushaltsstrom (Herleitung). Selbst die 65-°C-Zeile der Tabelle oben liegt mit WP-Tarif noch klar im grünen Bereich — sie verschenkt nur Potenzial. Dazu kommen rund 200 €/a wegfallende Fixkosten (Grundpreis, Schornsteinfeger) und die Förderung von aktuell bis zu 80 % (Stand 21.07.2026).

Passendes Werkzeug Wärmepumpen-Rechner Alle fünf Zahlen in einem Durchgang: Wärmebedarf aus dem realen Verbrauch, JAZ aus Typ und Vorlauftemperatur, überschlägige Heizlast, Kosten und 15-Jahres-Vergleich mit Förderung.

7 · Maßnahmen-Ranking für den Altbau

Sortiert nach JAZ-Gewinn pro investiertem Euro:

  • 1. Hydraulischer Abgleich Wenige hundert Euro, 5–15 % Ersparnis, oft 5–10 K weniger Vorlauf — und für die Förderung ohnehin Pflicht.
  • 2. Einzelne Heizkörper vergrößern Meist reichen 2–3 Tausche (Typ 11 → Typ 22/33) in den kritischen Räumen, je einige hundert Euro. Wirkung: die ganze Anlage kann tiefer fahren.
  • 3. Heizkurve sauber einstellen Kostenlos; jedes vermiedene Kelvin bringt 2–3 % (Heizkurven-Rechner).
  • 4. Oberste Geschossdecke / Kellerdecke dämmen Die günstigen Dämm-Maßnahmen mit kurzer Amortisation — senken Heizlast und Vorlaufbedarf (Dämmungsrechner).
  • 5. Fassade/Fenster Nach Wirtschaftlichkeit und Anlass (Sowieso-Kosten bei ohnehin fälliger Sanierung) — keine Voraussetzung für die Wärmepumpe. Reihenfolge planen: Sanierungsfahrplan.

8 · Häufige Fragen

Geht das auch ohne Fußbodenheizung?

Ja — Fußbodenheizung ist der Bestfall, keine Voraussetzung. Mit Niedertemperatur-Heizkörpern bei 45–50 °C läuft die Anlage gut, mit klassischen Radiatoren bei 55 °C ordentlich. Der 55-°C-Test entscheidet, nicht der Fußbodenaufbau.

Muss ich vorher komplett dämmen?

Nein. Dämmung und Wärmepumpe sind zwei getrennte Entscheidungen, die sich gegenseitig helfen, aber nicht bedingen. Wichtig ist nur die Reihenfolge der Auslegung: Wer in den nächsten Jahren dämmen will, sollte die Wärmepumpe nicht auf den heutigen Zustand überdimensionieren — oder den Tausch der Heizung ans Ende des Fahrplans legen.

Was ist mit Denkmalschutz oder wirklich unsanierbaren Häusern?

Auch dort gilt die Vorlauf-Logik — nur ist die Heizflächen-Seite dann der Hebel (größere Heizkörper, ggf. Gebläsekonvektoren), weil die Hülle unantastbar ist. Bei dauerhaft >65 °C Vorlaufbedarf sind Hochtemperatur-Wärmepumpen eine Option, mit entsprechend niedrigerer JAZ — hier lohnt die individuelle Rechnung besonders.

Sollte ich lieber warten, bis das Haus saniert ist?

Aus Fördersicht kostet Warten ab Februar 2027 jedes halbe Jahr 4 Prozentpunkte Klimabonus plus 750 € Bemessungsgrundlage — der Jetzt-oder-warten-Rechner beziffert das Szenario. Fachlich spricht fürs Warten nur eine konkret geplante Sanierung, die die Heizlast deutlich senkt.

Stand: 29.08.2026. Feldbasis: Fraunhofer ISE „WP-QS im Bestand" (77 Anlagen) und „WPsmart im Bestand". Der 55-°C-Test ist eine Praxismethode, keine Heizlastberechnung — die Auslegung gehört in Fachhand. Weiterlesen: Reichen meine alten Heizkörper? · JAZ-Tabelle · 15-Jahres-Vergleich mit Gas